Stresstoleranzstrategie
Steppen- und Präriebepflanzungen prägen mehr und mehr die Gestaltung von Gärten, öffentlichem und repräsentativem Grün. Während der niederländische Gartenkünstler Piet Oudolf als Trendsetter gilt, hat der Gärtner und Landschaftsarchitekt Cassian Schmidt in den letzten 20 Jahren die Forschungsarbeit für die Pflanzenkombinationen vorangetrieben. Unter seinem Direktorat wurde der Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof an der Bergstraße ein weltberühmtes Labor.
Ein Gespräch darüber, warum ausgerechnet die Steppe zum role model der Gartenkunst wurde, wie sie ökologisch einzuordnen ist, und woher das Saatgut kommt.
Interview: Astrid Kaminski
Info zur Person: Cassian Schmidt war 25 Jahre lang wissenschaftlicher Leiter und Geschäftsführer des Schau- und Sichtungsgartens Hermannshof in Weinheim. Nach der Neuausrichtung des stiftungseigenen Hermannshofs auf Kosten der wissenschaftlichen Anbindung, widmet sich Cassian Schmidt seit 2023 einer Professur für Pflanzenverwendung und Gestaltung mit Pflanzen an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe. Er interessiert sich insbesondere für die Erforschung und Erprobung von Pflanzen, die robust, klimaresilient und pflegeleicht sind. Seine Forschungsreisen führten ihn unter anderem in die kirgisische Steppe, in die amerikanischen Prärien, mediterranen Garrigues sowie die chinesischen Bergwälder.
In den letzten etwa 20 Jahren sind Bepflanzungskonzepte, die eine Steppenästhetik zum Vorbild haben, ungebrochen populär. Sie haben, Herr Schmidt, viel zu diesem Trend beigetragen. Ist die Steppenbepflanzung vor allem eine Mode oder mehr als das?
Cassian Schmidt: Mehr als das. Sie ist nicht nur ökologisch und ästhetisch sehr wertvoll, sondern hinzu kam in den letzten Jahren noch die Feststellung, dass sie auch besonders bestäuberfreundlich, das heißt, gut für Insekten ist. So bietet das Steppenkonzept nicht erst mit dem Erkennen des Klimawandels – aber dadurch noch einmal verstärkt – auch für den städtischen Raum einen zukunftsorientierten Umgang mit Grünanlagen.
Wenn wir von Steppenkonzepten sprechen, auf welche Steppe beziehen wir uns dann eigentlich? Es gibt sehr unterschiedliche Steppengegenden auf der Erde…
Ja, „Steppe“ ist ein weiter Begriff. Unter Umständen hört er sich erst einmal nach verbranntem Gras, also nach Brauntönen an. Aber es fällt eine große Bandbreite von Landschaften darunter. Steppen sind in erster Linie gehölzarme, an Sommertrockenheit angepasste Graslandgesellschaften in kontinentalen, also sommerwarmen aber winterkalten, Klimaregionen. Es ist vielleicht überraschend, dass wir auch in Mitteleuropa Steppenlandschaften haben. Wir haben Steppenrasen und Magerrasen – eine Vegetation, die eigentlich gar nicht so richtig hierhergehört, die aber nach der letzten Eiszeit von Zentralasien eingewandert und hängengeblieben ist. Die macht sich bemerkbar als besonders blütenreiche Wiesengesellschaften, die vor allem an Säumen, aber auch auf Freiflächen vorkommen. Wir nennen solche Areale Substratsteppen. Sie entstehen auf flachgründigen Böden, die hohe Sand- oder Kalkanteile aufweisen, stark der Sonne ausgesetzt sind und die entweder durch menschliches Zutun oder durch Beweidung freigehalten werden.
Gibt es denn überhaupt auch „natürliche“ Steppen, die ganz ohne menschlichen Einfluss entstehen?
Ja und nein. Es gibt die klassischen, eurasischen Steppenlandschaften, die klimatischen Steppen wie jene in Kasachstan oder in Kirgistan, wo ich zweimal gewesen bin. Dort herrscht ein Extremklima: Die Winter sind normalerweise sehr kalt, und die Sommer sehr heiß, es ist zudem oft stark windig. Aber auch diese Landschaften weisen allermeist menschlichen Einfluss auf. Sie werden durch Pferde beweidet oder auch gemäht. Dadurch wird die Blüten- und Artenvielfalt bereichert, oft schon seit Jahrhunderten.
Ist es nicht so, dass die sogenannten Nutztiere alles wegfressen?
Eine nicht zu intensive Beweidung sorgt dafür, dass eine Konkurrenz der Gräser zurückgedrängt wird, sodass Blütenstauden gefördert werden. Das nennt man das Prinzip der ökologischen Störung. Pferde gehen in diesem Sinn vorsichtiger vor als zum Beispiel Kühe oder Ziegen. Durch Beweidung oder Mahd wird das besonders eiweißhaltige Gras entnommen, und die Wiese wird magerer. Wo wenig Ressourcen sind, ist die Artenvielfalt höher, weil mehr Nischen da sind. Das ist eine ökologische Strategie, die Stresstoleranzstrategie. Dieses Stressprinzip machen wir uns auch für die Steppenbepflanzungen in Städten zunutze. Das bedeutet: Die einzelne Pflanze hat nicht so viel Ressourcen, bleibt kleiner und dadurch können sich mehr Arten etablieren. Sie verdrängen sich nicht, sondern sind alle relativ konkurrenzschwach. Und da sie konkurrenzschwach sind, das heißt, keine Art kann sich auf Kosten der anderen durchsetzen und dominieren, müssen sie in Nischen ihr Glück probieren und sich mit den anderen Arten arrangieren. So entsteht ein dynamisches Gleichgewicht im Pflanzenbestand.
Eine Art anti-kapitalistisches System?
Im kapitalistischen Sinn handelt es sich um ein Verschlechterungssystem. Würde man nun Dünger einsetzen, hätte man hohe Erträge, aber die Artenvielfalt sinkt direkt um mindestens 80 Prozent. Übrig bleiben die konkurrenzstärksten Pflanzen, welche die Fähigkeit besitzen, möglichst viele Nährstoffe aufnehmen zu können und dadurch viel Biomasse produzieren, die groß werden und den anderen das Licht wegnehmen. Von einer blühenden Vielfalt kann man dann aber nicht mehr sprechen und auch nicht von Balance. Dazu brauchen wir die Stressfaktoren.
Warum sprechen Sie eigentlich von Stress und nicht von Genügsamkeit?
Das kann man auch so nennen. Wichtig ist, dass wir nicht vom Konzept des Überflusses ausgehen. Leider wird das oft gar nicht verstanden. In der Bewirtschaftung von Gärten gehen wir, sowohl im privaten als auch im öffentlichen Bereich, davon aus, dass wir, je mehr wir hineinstecken, je mehr rausbekommen. Der Begriff „Mutterboden“ fällt in dieser Beziehung immer wieder – ein Begriff, den ich so gar nicht mag. Mutterboden ist der Feind der Vielfalt, da er nährstoffreiche Verhältnisse schafft. Dadurch kippt das Gleichgewicht und nur die besten Nährstoffverwerter, also die konkurrenzstärksten Arten, werden das Rennen machen. Dabei verdrängen sie schwächere Arten und am Ende bleiben nur wenige übrig.
Eine eng mit der Steppe verwandte Landschaft ist die Prärie. Oft werden die Begriffe bei den Bepflanzungskonzepten so gut wie austauschbar gebraucht. Sind sie es?
Beide Landschaften sind zwar von dominierenden Gräsern mit beigemischten Blütenstauden geprägt und kommen in kontinentalen Klimagebieten vor, haben aber eine völlig unterschiedliche Pflanzenzusammensetzung und andere ökologische Charakteristika. Im Garten und im Stadtgrün lassen sich Steppen- und Präriepflanzen aber durchaus in einer Pflanzung miteinander kombinieren, wenn man den ganz unterschiedlichen Vegetations- und Blührhythmus beider Vegetationstypen berücksichtigt und gestalterisch nutzt. Die Steppenarten haben ihren Blüteschwerpunkt im Vorsommer, im April, Mai, Juni; die Präriearten starten dagegen ziemlich spät. Ende April, Anfang Mai treiben sie erst aus, und die Blüte beginnt etwa ab der zweiten Julihälfte. So wechseln sich die Blühphasen ab, was eine Kombination ästhetisch interessant macht. Was die Pflanzenfamilien in den klimatischen Steppen- und der Prärielandschaften angeht, bestehen allerdings durchaus Unterschiede. Zwar sind sowohl Prärien als auch die Steppen Wiesengesellschaften, die durch zeitweilige Trockenheit im Sommer geprägt sind. Die Bewirtschaftung unterscheidet sich jedoch dadurch, dass in den Prärien der Faktor Feuer hinzukommt – sowohl durch natürliche Faktoren, als auch von menschlicher Hand gelegt. Die Prärievegetation ist eine stark an Brände angepasste Vegetation, was zum Beispiel zur Folge hat, dass es dort keine frühjahrsblühenden Zwiebelpflanzen gibt, wie sie für die Steppen typisch sind.
Die europäischen Kolonisten haben diesen Zusammenhang und damit die Bewirtschaftungsmethoden Indigener Völker nicht verstanden.
Wir gehen davon aus, dass indigene Volksgruppen schon seit mindestens 10 000 Jahren mit der Methode des aktiven Feuermanagements gearbeitet haben. Die Stauden und vor allem die Gräser sind nicht nur perfekt daran angepasst, sie brauchen es auch, um sich zu regenerieren. Das Feuer tritt immer in der Vegetationsruhe, das heißt, Herbst, Winter oder frühes Frühjahr, auf, wenn die Pflanzen komplett eingezogen sind. Darum treiben sie dann auch später aus. Präriepflanzen stecken im Winter alles in ihr sehr ausgeprägtes Wurzelsystem, während Steppenpflanzen teilweise sogar wintergrün sind, was andererseits heißt, dass sie nicht an Feuer angepasst sind. Das Feuer sorgt in den Prärien für mehrerlei: Für das Zurückdrängen von Gehölzen, Verhinderung der Akkumulation von Streu, Belichtung und Erwärmung des Bodens im Frühjahr, die Keimfähigkeit bestimmter Pflanzen… Darüber hinaus ist auch die Prärie auf die großen Weidentiere wie die Bisons angewiesen, die die Flächen offenhalten. In der Gartenkultur können wir natürlich kein Feuer legen oder die Fläche beweiden, sondern ersetzen diesen ökologischen Faktor durch den bodennahen Rückschnitt oder Mahd im Spätwinter. Das Schnittgut wird anschließend von der Fläche abgeräumt, damit Licht und Wärme an den Boden kommen.
Menschen haben also die Bewirtschaftungsmaßnahmen der nicht-menschlichen Natur gewissermaßen nur fortgesetzt?
Dazu gibt es eine interessante Hypothese: Auch im europäischen Kontext gab es sogenannte Großherbivoren, das heißt, die großen Pflanzenfresser. Ohne sie wäre, so lautet die Hypothese, in Mitteleuropa vor allem Wald gewesen und eine Wiesengesellschaftsvegetation hätte sich hier gar nicht etablieren und ausbreiten können.
Das heißt: Steppen und Prärien sind, zumindest zu Teilen, verhinderte Wälder. Wenn es ums Klima geht, geht es aber meist um den Wald. Wie sieht es aus mit der CO2-Bilanz von Steppen?
Erst einmal müssen wir feststellen, dass Deutschland nach wie vor ein Waldland ist. Weiterhin ist es überraschenderweise so, dass Prärien sogar mehr CO2 binden können als Wälder. Es gibt Untersuchungen, die besagen, dass üppige Hochgras-Prärien pro Jahr mehr Biomasse erzeugen als ein tropischer Regenwald. Natürlich wird durch die Brände auch wieder CO2 frei, aber das wird anschließend durch die Photosynthese in den Pflanzen und vor allem durch den Humusaufbau im Boden wieder gebunden. Es handelt sich um ein Kreislaufsystem. Wichtig ist, was unter der Erde passiert. Was man von der Prärie sieht, ist nur ein Drittel der gesamten Biomasse, der Rest befindet sich unter der Erde in Form von einem intensivem, tiefreichenden Wurzelgeflecht. Bei Steppen ist es noch extremer, da ist das Verhältnis eins zu zwanzig, das heißt, ein Teil oberirdische Biomasse zu 20 Teilen Wurzelmasse unter der Erde. Da liegt das Geheimnis. Etwa ein Drittel bis die Hälfte der Wurzelbiomasse stirbt jährlich ab und verwandelt sich im trockenen Steppenklima in Dauerhumus, der CO2 dauerhaft bindet. In dieser Beziehung bringen Prärien und Steppen große Leistungen, weil sie, ähnlich wie Moore, hervorragende CO2-Senken sind.
Wie kommt es, dass Sie einerseits von Stressfaktoren sprechen, die durch zeitweilige Trockenheit und Nährstoffarmut entstehen, andererseits aber betonen, dass Steppen und Prärien große Mengen an Dauerhumus produzieren?
Nicht wahr, ein interessanter Widerspruch! Grundsätzlich sind die Böden der Steppen- und insbesondere der Prärien tatsächlich ziemlich nährstoffreich, es entsteht auf Dauer sehr fruchtbare Schwarzerde. Nur sind diese Nährstoffe, wenn die Pflanze sie in der Wachstumszeit braucht, nicht immer verfügbar. Die Pflanzen sind daran angepasst: Sie bleiben gedrungener (kleiner), entwickeln weniger Biomasse, die sie bei Trockenheit dann nicht versorgen müssen. Es hat damit zu tun, dass in den klimatischen Steppen die Bedingungen, um Humus abzubauen, durch die Sommertrockenheit reduziert sind. Die Nährstoffe werden nicht freigesetzt und sind zumindest zeitweise nicht für die Pflanzen verfügbar.
Wenn Steppengegenden nun durch Ackerbau bewirtschaftet werden, ändert sich das?
Das ist nicht unproblematisch, da ein Teil des CO2 durch Bewässerung und Umpflügen freigesetzt wird. Hier, in Deutschland, haben wir zum Beispiel die Magdeburger Börde. Das sind fruchtbare Schwarzerden, die entstanden sind, als es nach der letzten Eiszeit einmal ein trocken-kaltes Steppenklima gab, ähnlich wie heute in Zentralasien. Für die Arbeit im urbanen Raum übersetzt bedeutet dies, dass wir durch mineralische Substrate und sparsame Bewässerung bewusst eine gewisse Nährstoffknappheit erzeugen, um die Pflanzen möglichst in Wurzeln und nicht in Biomasse investieren zu lassen und dadurch resilienter zu machen. Wenn wir ein feuchtes Frühjahr haben, dann sprießen die Pflanzen jedoch trotzdem üppig ins Kraut. Kommt dann die Trockenheit, reduzieren sie die Blattmasse, indem sie ihr Laub auch mal schnell abwerfen und die Reservestoffe in die Wurzeln verlagern. Die Wurzel, das ist die Lebensversicherung. Optisch führt das manchmal zu zeitweilig steppenartig-braunen Vegetationsbildern.
Öffentliches Grün soll aber doch schön sein?
Natürlich versuchen wir solche Prozesse mitzudenken und teilweise auszugleichen. Man muss aber auch bereit sein, sich mit der Ästhetik des Vergehenden auseinander zu setzen. Neue Bedingungen und Erkenntnisse lassen neue Landschaftsbilder entstehen, also nicht die immer blühende, üppige, pflegeaufwändige englische Rabatte. Wir müssen uns mit diesen neuen Bildern auseinandersetzen. Das ist, wie wir es aus der Bildenden Kunst oder auch aus anderen Künsten kennen, immer ein Lernprozess. Wir sind, was unsere Sehgewohnheiten in Bezug auf Grünflächen angeht, sehr gewöhnt an Bilder, die von hohem Ressourcenverbrauch abhängen. Das sind: Wasser, Dünger und Mensch.
Es gibt den Ausdruck der „Versteppung“, den bereits der nationalsozialistische „Reichslandschaftsanwalt“ Alwin Seifert gebraucht hatte, um vor der „öden Leere“ der Steppen zu warnen. Auch wenn der Begriff heute lieber vermieden wird, gibt es immer wieder Schlagzeilen, die davor warnen, dass sich Landschaften hin zu Steppen entwickeln könnten. Ist das, egal ob wünschenswert oder nicht, eigentlich eine realistische Perspektive?
Ich habe in der Garten und Landschaft mal einen Artikel geschrieben mit dem Titel „Die Steppe kommt!?“ Das heißt: Es gibt ein großes Fragezeichen. Ich denke, dass wir in Mitteleuropa noch viele Jahrzehnte lang ein Waldland bleiben. Der Wald wird lichter, vielleicht savannenartiger werden, die Buche wird mehr und mehr zurückgehen, die Eiche überleben, aber weniger dicht vorkommen. Dann wären wir klimatisch in etwa im Gebiet der Steppenwälder – offenen Wälder, wie wir sie jetzt zum Beispiel in Südfrankreich schon sehen. Forstwirtschaftlich ist das eine weniger attraktive Perspektive, aber ökologisch ist sie toll, weil neue Nischen für seltene, lichthungrige und Wärme liebende Arten entstehen. Dennoch sprechen wir noch nicht von einer klassischen Steppenlandschaft, oder „Versteppung“ – dazu ist es hier in Mitteleuropa immer noch viel zu niederschlagsreich. Andererseits sehen wir im Sommer durchaus immer mehr braune Landschaften und Flächen, gerade in den Städten. Wir können ökologisch und gestalterisch in der Pflanzenverwendung darauf aber adäquat reagieren, indem wir zukünftig verstärkt resilientere Gehölz- und Staudenarten im urbanen Raum einsetzen, die aus trockeneren Gebieten wie Südosteuropa stammen.
Sie haben vorhin die Insektenfreundlichkeit angesprochen. Die heimische Biene, beziehungsweise Wildbiene, ist inzwischen auch fast ein politischer Kampfbegriff geworden. Wie sehr sind die Bedürfnisse von Insekten denn kompatibel mit Pflanzen, die aus Südosteuropa, Asien und den Amerikas kommen?
Zunächst einmal müssen wir einen Unterschied machen: Wenn es um den städtischen Raum geht, dann orientierten wir uns zunächst einmal nicht an der Frage, was die Biene will, sondern was wir als Menschen brauchen. Im urbanen Raum geht es darum, dass die Bepflanzung ein ästhetisches oder sogar künstlerisches Empfinden auslöst. Das betrifft nicht nur Parks, sondern vor allem auch solche Flächen, die schwierig oder problematisch sind. Der Aspekt der Insektenfreundlichkeit ist erst in den letzten Jahren stark ins Blickfeld gerückt.
Und glücklicherweise hat sich herausgestellt, dass die Steppenbepflanzungen auch für die Bienen attraktiv sind?
Am besten sind regional typische Pflanzen trockener Standorte, die sich beispielsweise in Magerrasen, Trockenrasen und Felssteppen entlang der warmen Flusstäler finden lassen. Sie haben genetisch durchaus gewisse Ähnlichkeiten und Verwandtschaften mit den Pflanzen aus den großen, eurasischen Steppenlandschaften. Untersuchungen zeigen, dass es für Insekten vor allem um Pflanzenfamilien geht, um die Ähnlichkeit des Blütenbaus. Dazu gibt es die Theorie, dass Pflanzen, die über Landbrücken nach den Eiszeiten nach Mitteleuropa einwandern konnten, tendenziell eine größere Verwandtschaft mit den Steppenarten in Mittelasien aufweisen, als Pflanzen, die zum Beispiel aus Nordamerika kommen.
Generell kann man sagen: Die Honigbienen sind nicht sehr wählerisch oder spezialisiert auf bestimmte Pflanzenarten. Die kommen auch mit nordamerikanischen Pflanzen noch recht gut zurecht. Bei den Wildbienen ist es ausdifferenzierter. Es gibt in Deutschland über 560 verschiedene Arten, die sich in zwei Gruppen ordnen lassen. Erstens, die Generalisten; zweitens die Spezialisten, die stark auf den individuellen Blütenbau einer Pflanzenfamilie oder Gattung angepasst sind – zum Beispiel die Lippenblütler oder die Laucharten. Darunter gibt es hochspezialisierte Wildbienen, man nennt sie oligolektisch, was man im weitesten Sinn mit „wählerisch“ übersetzen könnte, die ausschließlich auf eine bestimmte Pflanzenart, wie den Natternkopf, spezialisiert sind. Wobei sich selbst bei jenen zeigt, dass es Spielräume gibt. So lassen sie sich durchaus auch auf einen osteuropäischen Natternkopf ein.
Die Insektenwelt nimmt also Herausforderungen bis zu einem gewissen Grad sportlich.
Teilweise kann es andererseits sogar wichtig sein, den Insekten als Ergänzung Pflanzen mit anderen Blühzyklen als den „heimischen“ anzubieten, sozusagen das Nahrungsangebot zeitlich zu verlängern. Die heimischen Arten blühen durch den Klimawandel immer früher im Jahr, was für manche Insekten heißt: zuweilen zu früh, um ausreichend Pollen für die Brut und Nektar für die Ernährung zu finden. Man könnte natürlich sehr ins Detail gehen und auch Gegenargumente finden für das, was ich gerade gesagt habe, was jedoch nicht wegnimmt, dass es Argumente dafür gibt – mit der Einschränkung, dass sie noch nicht umfassend genug erforscht sind. Darüber hinaus ist es, wie wir schon besprochen haben, aus Pflanzenperspektive gar nicht so leicht, zu definieren, was „heimisch“ ist. Pflanzen interessieren sich nicht für politische Grenzen. „Heimisch“ in der Natur würde also ein ganz anderes Einzugsgebiet bedeuten, als die politischen Grenzen der Bundesrepublik. Gerade in den „Heat Islands“ der Städte leben wir inzwischen schon in anderen Klimazonen als das noch im vorherigen Jahrtausend der Fall war, teilweise sozusagen in der submediterranen Zone.
Sie haben selbst, soweit ich weiß, auch die ein oder andere Pflanze aus Steppen- und Prärielandschaften in gärtnerische Kultur übernommen beziehungsweise verbesserte Auslesen daraus selektiert: das Präriebartgras, Schizachyrium scoparium 'Ha Ha Tonka', oder das Reitgras, Calamagrostis arundinacea 'Lushan'. Wie geht so ein modernes Pflanzenjägertum eigentlich?
Meistens funktionieren „Neuentdeckungen“ über den internationalen Samentausch. Der ist nur der Wissenschaft und den botanischen Gärten zugänglich. Die Samen dafür kommen aus den Botanischen Gärten selbst, aber auch aus Wildsammlungen vom Naturstandort, das heißt, von lizensierten Sammlern, die in bestimmten Gebieten Kleinstmengen sammeln dürfen. Heute kann man nicht mehr einfach so irgendwo hingehen und etwas mitnehmen. Es gibt jedoch Programme, um gezielt verbesserte, resilientere und besser klimaangepasste Auslesen für die Gartenkultur zu selektieren. Das sind dann offizielle Forschungsprogramme, die nach internationalen Standards arbeiten müssen und nicht wie die historischen Pflanzenjäger und „Entdecker“, die oft noch auf der Sänfte durch die unwegsamen Gebiete getragen wurden.
Moderne Pflanzenjäger sind heute also in erster Linie in Samenbetrieben unterwegs?
Ja, dort werden durch Auslese besonders schöne oder resiliente Arten entdeckt. Wenn das der Fall ist, werden die Pflanzen geklont, das heißt, vegetativ durch Teilung vermehrt oder im Invitro-Labor im Reagenzglas vermehrt. Sehr viel schlummerndes Potenzial liegt noch in Botanischen Gärten. Nur der Zugang ist oft schwierig. Das ist in den USA anders, wo die Wissenschaft viel mehr mit Betrieben zusammenarbeitet. Zurzeit kommt zum Beispiel vieles aus Programmen des Chicago Botanic Garden oder des Denver Botanic Garden. Die dortigen Botanischen Gärten investieren viel in das Auslesen der dort vorhandenen Arten. So ist auch die aktuelle Echinacea-Mode entstanden, von der wir inzwischen bestimmt über 200 Züchtungen haben.
Das heißt, es kann noch vieles „entdeckt“ werden!
Manchmal ändert sich auch einfach nur die Blickrichtung. So kamen die ersten Samen- und Pflanzeneinfuhren von nordamerikanischen Arten nach Europa lange Zeit vor allem aus den küstennahen, feucht-warmen Gebieten am Fuß der Appalachen, da sie für die klassischen Pflanzenjäger leicht zu erreichen waren. Nachteil: Diese Herkünfte erwiesen sich in unserem Klima als weniger frosthart und weniger trockenheitsangepasst. Inzwischen wurden aber auch Arten und Ökotypen aus anderen, kontinentaleren und trockneren Klimazonen im Mittelwesten der USA eingeführt, wie zum Beispiel aus Kansas, die sich viel widerstandsfähiger für das Stadtklima erwiesen haben.
Es gibt ein Lampenputzergras, das Pennisetum alopecuroides 'Cassian', das nach Ihnen benannt wurde. Wie kam das?
Das ist das Ergebnis einer zufälligen Gärtnerei-Auslese. Einst habe ich in den späten 1980er Jahren als Praktikant 13 Monate bei der Gräser-Gärtnerei Kurt Bluemel in den USA gearbeitet. Währenddessen entdeckte ich auf dem Feld von Tausenden Pennisetum-Gräsern eine zufällig entstandene Sämlingspflanze, die mir mit ihrer leuchtenden Herbstfärbung als besonders auffiel, grub sie aus und gab sie ins Vermehrungsquartier. Daraus wurde dann „Cassian`s selection“, und als die Pflanze in den Handel kam, hat mein Chef sie mir zu Ehren mit meinem Vornamen versehen.
Sie haben jahrzehntelang einen sogenannten Schau- und Sichtungsgarten geleitet, in dem Pflanzen getestet wurden. Wenn man Pflanzen in die Gartenkultur einführt und im öffentlichen Grün verwendet, gibt es ein gewisses Risiko hinsichtlich ihres Verhaltens. Phlox, Aster dumosus, Herbst-Chrysantheme wurden eingeführt und haben sich, ohne „auszubüchsen“, an ihren Standorten im Garten gehalten; dagegen besiedelt die Kanadische Goldrute inzwischen ganze Landschaftsstriche, und ein Extrembeispiel ist natürlich der Japanische Knöterich, der im 18. Jahrhundert eingeführt wurde und heutzutage ganze Gegenden, vor allem Flussufer, monokultiviert. Wie wichtig sind Schaugärten, um das „Risiko“ des Pflanzenverhaltens einzuschätzen?
Sehr wichtig. Das sind die Experimentierfelder, um sozusagen die Spreu vom Weizen zu trennen oder genauer gesagt, gartenwürdige Arten zu empfehlen und aggressive Arten im Vorfeld auszuschließen. Ganz vorhersagen kann man es aber nicht immer, wie sich eine Pflanze in Zukunft bei fortschreitendem Klimawandel verhalten wird. Es gibt jedoch keine ausreichenden Belege dafür, dass jemals eine eingeführte, invasive Pflanzenart eine heimische verdrängt hat. Nur ein sehr kleiner Prozentsatz der eingeführten Pflanzenarten wird invasiv, die meisten gliedern sich ohne Probleme in unsere heimische Pflanzenwelt ein, besetzen unbesetzte Nischen oder verschwinden einfach wieder, ohne sich dauerhaft zu etablieren. Dennoch: Einzelne Biotope können durchaus massiv beeinträchtigt werden.
In Deutschland besteht ein Verbund von 14 Schau- und Sichtungsgärten, die normalerweise an Hochschulen angebunden sind, in denen Pflanzen auf ihren Verwendungswert im öffentlichen Grün getestet werden. Diesem Arbeitskreis stehe ich vor. Dabei werden ganze Pflanzengemeinschaften für die Verwendung im öffentlichen Raum getestet, vor allem solche, die für städtische Problembereiche geplant werden. Das passiert meist über einen Zeitraum von fünf Jahren. Ohne diese Arbeit wäre es, denke ich, unwahrscheinlich, dass es die Steppenbepflanzungskonzepte in die Städte geschafft hätten.
Gibt es trotzdem noch ein Restrisiko, wenn man die Pflanzen in die weite Gartenwelt entlässt, beziehungsweise es führen wahrscheinlich auch Wege an den Sichtungsgärten vorbei?
Natürlich kann nicht alles in Sichtungsgärten geprüft werden, das ist nur ein eher kleiner Teil, da es hauptsächlich um die Beurteilung von Sorten geht und nicht um neue eingeführte Arten. Das ist eher die Aufgabe botanischer Gärten. Es gibt aber einen Kontrollmechanismus, nämlich die nationalen und EU-weiten Vorwarnlisten und „Schwarzen Listen“ für invasive Arten. Am Ende kann es EU-weite Handelsverbote geben, an die sich Gartenbaubetriebe halten müssen. Es sind aber nur sehr wenige gärtnerisch bedeutende Arten betroffen, die bisher auf einer EU-Verbotsliste gelandet sind zum Beispiel die Gewöhnliche Seidenpflanze, oder das Afrikanische Lampenputzergras. Die allgegenwärtige Goldrute gehört übrigens nicht dazu. Zukünftig könnten Verbote allerdings auch beliebte und für den Handel sehr bedeutende Zierpflanzen betreffen wie das Pampasgras, das Chinaschilf oder den Kirschlorbeer.
Der Hermannshof, den Sie zum Mekka internationaler Gartenexpert:innen gemacht hatten, widmet sich künftig nicht mehr der Forschung. Ein besonderes Anliegen ist Ihnen nun die Einrichtung eines „Freiland-Reallabors als Denkfabrik unter freiem Himmel“. Wäre das ein Next-Level-Sichtungsgarten oder was schwebt Ihnen vor?
Die Verwendung und das Interesse an trockenheitsresilienter, stresstoleranter Vegetation im Stadtraum wird sich in den nächsten Jahre sicher noch verstärken. Dazu können Arten aus den Steppen, Prärien und dem Mittelmeerraum in Kombination mit heimischer Vegetation einen wichtigen Beitrag leisten. Zukünftig werden wir vermehrt auch mit dem Thema Recycling von Reststoffen wie Asphalt und Beton zu tun haben, die sich zerkleinert möglicherweise in Zusammenspiel mit den richtigen Pflanzen als alternative Pflanzsubstrate eignen. Auch „Blau-Grüne Infrastrukturen“ nach dem Prinzip der Schwammstadt sind ein aktuelles Thema, gerade im Kontext von Gebäuden und Straßenräumen. Hier müssen speziell angepasste Pflanzen stressbetonter Standorte zum Einsatz kommen, die nicht nur Trockenheit, sondern gleichzeitig auch kurzfristige Überstauung bis zu 84 Stunden ertragen müssen. Ein nicht ganz einfacher Spagat. Für solche Fragen brauchen wir den Next-Level-Sichtungsgarten, der als Freilandlabor und Denkfabrik unter freiem Himmel dazu dient, wichtige Zukunftsfragen zu beantworten, die Besucher und Studierenden auf die drängenden Probleme des Stadtraums aufmerksam zu machen, und dabei gleichzeitig lehrreich und schön ist.
Hintergrundbild: Präriegras 'Schizachyrium scoparium', Pflanzendruck von TingYun Kuo